Was ist Product Lifecycle Management?

PLM-nutzende AbteilungenNicht nur mein Beruf als PLM Solution Architect, sondern auch viele Beiträge dieser Website beschäftigen sich mit dem Thema PLM oder PLM-Software. Man kann darüber Dissertationen schreiben. Für den Laien bleibt es aber ein ziemlich abstraktes Thema. Und so möchte ich hier einen Versuch wagen, das Thema für den Laien verständlich und neutral zu erklären. Was ist also PLM?

Abkürzungen mit nur drei Buchstaben haben es oft in sich und lassen sich nicht immer leicht erklären. So ist es auch mit PLM. Es steht für Product Lifecycle Management. Zu Deutsch, die Verwaltung von Produktdaten über seinen gesamten Lebenszyklus – also von der Wiege bis zur Bare. Schnell ergeben sich aber dadurch weitere Fragen wie: Was ist ein Produkt und was ist sein Lebenszyklus? Sind Produkte etwa lebendig?

PLM ist auch ziemlich medienwirksam und so wird der Begriff auch gern verwendet, um angeblich fertig einsetzbare PLM-Software zu verkaufen. Es gibt aus meiner Sicht aber nicht die PLM-Software. Vielmehr bin ich der Meinung, dass PLM ein Unternehmens-Konzept ist, mit der die Kommunikation rund um die herzustellenden Produkte erleichtert und zugänglich gemacht wird. Im Idealfall archiviert und verwaltet PLM das gesamte „intellektuelle Kapital“ eines Unternehmens.

Was sind (technisch gesehen) Produkte und wie entstehen sie ?

Vor nicht allzu langer Zeit gab es in den Entwicklungsabteilungen technische Zeichner. Sie standen meist an Reißbrettern (auch Zeichenbretter genannt) der Blattgröße DIN A0 und fertigten zweidimensionale technische Zeichnungen von Produkten an. Z.B. erzeugten Sie technische Zeichnungen aller Einzelteile und auch der gesamten Bohrmaschine. Viele Architekten machen das heute noch so mit Gebäuden oder Häusern, weil ihnen das Design mit dem Bleistift noch flotter von der Hand geht als mit Computerprogrammen. Aber das ändert sich gerade.

Diese Zeichnungen, die quasi Anweisungen für die Fertigung der Produkte in der Werkstatt waren, wurden dann mit den jeweiligen Fertigungsvorrichtungen oder Maschinen hergestellt. Oft hat man sich dabei mit Prototypen geholfen, an denen noch viel optimiert wurde, bis es tatsächlich ein marktreifes Produkt wurde.

Heute werden viele Produkte nicht mehr am Zeichenbrett hergestellt, sondern gleich im Computer dreidimensional modelliert. Selbst der realitätsnahe Einsatz des entwickelten Produkts wird im Computer simuliert und sogar verschiedene Belastungstests können gleich dort vorgenommen werden. Dieser historische Übergang hat dem Fortschritt gleich einen ganzen Berufszweig (den technischen Zeichner samt seines geliebten Werkzeugs dem Zeichenbrett) geopfert. Da können wir trauern oder auch dankbar sein. Denn der Paradigmenwechsel von schwer zu verstehenden 2D-Zeichnungen hin zu dreh- und schwenkbaren 3D-Modellen bringt noch viele weitere Verbesserungen mit sich, die ich in den nachfolgenden Zeilen kurz anreiße.

Produktdatenmanagement ist nicht gleich Product Lifecycle Management

Produkte werden also heute durch Daten in einer Software repräsentiert. Ganz ähnlich wie mit dem Word-Dokument in der Software Microsoft Word, welches das von Hand beschriebene Papier ersetzt. Hier setzt das sog. Produktdatenmanagement (PDM) an, indem der Konstrukteur (früher der techn. Zeichner) einzelne Teile oder das gesamte Produkt (bestehend aus vielen Teilen) aus seinem Konstruktionsprogramm direkt in das Produktdatenmanagement-System speichert. Mit anderen Konstrukteuren zusammen können so an unterschiedlichen Orten gemeinsam größere Produkte entwickelt werden, weil alle Konstrukteure im Unternehmen die Daten aus einem gemeinsamen Datentopf beziehen und sie auch dort speichern. Das lässt sich dank Internet sogar über Unternehmensgrenzen hinweg und über weite Strecken betreiben.

Produktdatenmanagement kann damit wohl eher als eine Teilmenge von PLM (oder vielleicht als Voraussetzung?) verstanden werden, welches die Daten der Entwicklungsabteilung zwar zentral speichert aber diese nicht mit Daten anderer Abteilungen anreichert und zur Verfügung stellt. Nur wenn andere Abteilungen wie Fertigung, Marketing, Vertrieb, Entsorgung, Service, etc. – also alle, die irgendwie diese Daten benötigen – sich diese auch abrufen und mit weiteren Informationen versehen, kann man tatsächlich von PLM sprechen.

Manchen Unternehmen hingegen genügt es auch, nur Produktdatenmanagement zu betreiben. PLM muss nicht unbedingt sein. Es müssen auch nicht immer sämtliche Daten aller Abteilungen in nur einem System zusammenfließen. Das hängt sicher von der Unternehmensart und -größe ab. Aber wichtig ist heute generell, dass alle benötigten Daten schnell abgerufen werden können – egal ob mit nur einer oder auch verschiedenen Anwendungen.

Wann wird aus Produktdatenmanagement Product Lifecycle Management?

Lasst uns einen Ausflug zusammen mit den Produktdaten machen, die der Konstrukteur einer Entwicklungsabteilung in ein fiktives System speichert. Wir nehmen dabei an, dass dieses System gemäß eines PLM-Konzepts zentral im Unternehmen für alle weiteren Abteilungen zur Verfügung steht.

Marketingabteilung: Mit Produktdaten werben

Die tollsten Produkte bringen nichts, wenn sie im Lager Staub ansetzen. Und so kümmert sich das Marketing darum, dass die entwickelten Produkte auf Broschüren, Katalogen oder im Internet schic zur Schau gestellt werden. Die Produkte sollen die Aufmerksamkeit der Kunden anziehen und diese sich hoffentlich für den Kauf des Produkts entscheiden. Natürlich muss gerade die Marketingabteilung schon früh wissen, welche Produkte gerade entwickelt werden und wann sie fertig sind. Noch optimaler ist es z.B., wenn die in 3D entwickelten Produkte auch über die Webpräsenz des Unternehmens eingesehen und dort gekauft werden können. So kann das Marketing die fertiggestellten Produkte ohne großen Aufwand auch im Onlineshop präsentieren. Alle technischen Anforderung von der Fertigstellung der Produkte bis zum Artikel im Shop lassen sich heute in der IT automatisieren. Es existieren auch komplett schlüsselfertige Systeme, die an das vorhandene Produktdatenmanagement andocken und daraus ganze Shopsysteme auf die Beine stellen. So reduziert sich der Aufwand für das Marketing eines Einzelprodukts und noch mehr Produkte können noch viel schneller zur Verfügung gestellt werden.

Vertriebsabteilung: Mit Produktdaten verkaufen

Wenn wir fertige Produkte haben, diese der Öffentlichkeit bekannt gemacht haben, müssen sie nur noch verkauft werden. Der Vertrieb einer jeden Firma kümmert sich darum. Der Vertrieb von Apple kümmert sich z.B. um den Verkauf von iPhones, iPods oder iPads. Auch wenn online über einen Shop verkauft wird, kommen häufig Vertriebsmitarbeiter mit Kunden in Berührung. Produkte werden auch häufig immer komplexer und eine Vielzahl an Funktionen stehen zur Verfügung, die erklärungsbedürftig sind. Vertriebsmitarbeiter müssen daher immer gut über die Produkte der Firma informiert sein und müssen teilweise auch sehr früh dem Bestandskunden signalisieren, dass neuere und tollere Produkte in der Entwicklung sind. Genau diese Kommunikation ist heute immens wichtig. Denn nicht selten wollen Kunden, die gerade ein Produkt gekauft haben, auch wissen was danach kommt. Ja manchmal ist sogar der aktuelle Kauf von dessen Zukunft abhängig. Das nennt man dann Kundenbindung und es ist manchmal wichtiger als der schnelle Abverkauf von Produkten, weil man als Firma auch langfristig Geld verdienen möchte.

In unserem fiktiven System kann z.B. der Vertriebsleiter dem Artikel Preise zuordnen. Er kann auch Mengenrabatte eintragen und Produktpakete schnüren, die nur gemeinsam erworben werden können. Er kann auch nachsehen, wie oft die Produkte verkauft wurden und welche Probleme es beim Verkauf gegeben hat. Hier sind viele Funktionalitäten denkbar, die sich allesamt auf die ursprünglich vom Konstrukteur abgelegten Daten beziehen und im Idealfall auch von ihm abgerufen werden können.

Serviceabteilung: Mit Produktdaten dem Kunden zur Seite stehen

Die Serviceabteilung steht (hoffentlich) jedem Kunden mit Rat und Tat zur Seite. Noch während er den Kunden betreut, kann er direkt auf die Produktdaten zugreifen und relevante Informationen abrufen. Nicht selten wird dem Kunden ein Update innerhalb weniger Minuten zugestellt, welches noch nicht auf der Webseite veröffentlicht wurde. Genauso können vom Kunden mitgeteilte Probleme auch Produkt-bezogen gespeichert und der Entwicklungsabteilung bereitgestellt werden. So werden manchmal Probleme binnen kurzer Zeit gelöst und dieses Wissen fließt gleich ein in die sich noch in Entwicklung befindlichen brandneuen Produkte.

Ein weiteres Anwendungsfeld sind z.B. Service- oder Bauanleitungen. In der Regel sind das einfache Office-Dokumente in denen Explosionszeichnungen dargestellt werden (z.B. über ein IKEA-Regal) oder Anweisungen für die Wartung der Produkte zu finden sind. Das sind Dokumente, die sich auf die verkauften Produkte beziehen und diese lassen sich in der Regel gleich aus den 3D-Daten des Konstrukteurs ableiten.

Recyclingabteilung: Mit Produktdaten wertvolles Material wiederverwenden

Der Lebenszyklus endet immer mit dem Tod. So landet auch die Bohrmaschine irgendwann einmal auf dem Friedhof (Elektroschrott). Heute ist Recycling ein sehr großes Thema. Viele Produkte können zum einen gefährliche Stoffe enthalten und zum anderen können sie wiederverwertbare Materialien enthalten. Das Thema ist gut platziert in unserer Zeit. Denn mit Recycling können wir den Raubbau an unserem Planeten wenigstens etwas schonender betreiben.

Dank PLM ist es möglich, alle Informationen über die verwendeten Materialien im Produkt zum Zeitpunkt des Recyclings abzurufen und den Recycling-Prozess entsprechend zu gestalten. Das ist nicht nur umwelt-, sondern auch kostenbewusst. Denn die zu vernichtenden Stoffe werden so auf ein Minimum reduziert und die Materialbeschaffung muss dank Wiederverwertung deutlich weniger Material einkaufen.

Ein Hoch auf PLM?

Ich weiß nicht so genau. PLM ist heute aber sicher für viele Unternehmen ein notwendiges Konzept. Automobilhersteller können nicht mehr ohne. Das kleine Ingenieurbüro auch nicht mehr. Denn er ist heute schon an die Systeme des Automobilherstellers angebunden und soll seine Konstruktionsdaten direkt in das System seines Kunden speichern. Die PLM-Hersteller fangen auch an, ihre Systeme so zu gestalten, dass sie in der Cloud betrieben werden können. Damit ergeben sich gleich noch weitere Einsatzszenarien als oben beschrieben und das macht das Thema für alle Beteiligten spannender und interessanter.

Auf der anderen Seite kämpfen viele PLM-Projekte mit Akzeptanzschwierigkeiten und wegen der Komplexität des Vorhabens auch oft mit deutlich überschrittenen Budgets. Über diese beiden Themen alleine könnte man noch einmal zwei lange Artikel schreiben. Ich hebe mir das aber mal für einen späteren Zeitpunkt auf und beende diesen Artikel jetzt hier.

Ich hoffe, ich konnte einen kleinen Einblick in das Thema Product Lifecycle Management geben und freuen mich auf zahlreiche Kommentare.

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